12. Mai 2003      
 

WOLFENBÜTTELER ZEITUNG UND ANZEIGER

 

 
Mit Kolumbus übers Meer

Tomatenbörse in Mönchevahlberg – Verein setzt sich für Erhalt alter Sorten ein

Von Stephan Hespos

MÖNCHEVAHLBERG. Hand aufs Herz: Kennen Sie die Rote Murmel, die Lukullus oder die Palikovy? Wer sein Gemüse vorwiegend im Supermarkt kauft, dem sind diese alten Tomatensorten wohl noch nie begegnet. Schade findet das Ursula Reinhard, Vorsitzende des Vereins zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN). "Denn die schmecken viel intensiver."

Nahezu unbeobachtet von der Öffentlichkeit setzt sich die Frau aus Schandelah gemeinsam mit einigen Mitstreitern dafür ein, die Vielfalt des Sortenspektrums zu erhalten. Bei einer Tomatenbörse auf dem Hof Wrede in Mönchevahlberg überraschte Ursula Reinhard denn auch mit gleich 35 verschiedenen Sorten. "Das ist aber nur ein kleiner Teil", so die VEN-Vorsitzende, "insgesamt gibt es weit mehr als 500".

Für jede Gelegenheit die passende Tomate – zum Naschen, Einkochen oder für den Salat – das ist für Irmela Wrede einer der Beweggründe, sich in dem Verein zu engagieren. "Ich will das alte Saatgut bewahren", erläutert sie. Von Idealismus angetrieben, trennt sie die Kerne aus den Tomaten heraus und wartet bis diese gären. Erst dann dürfe die die Kerne umgebende gallertartige Masse abgespült werden. Nach dem Trocknen steckt Irmela Wrede die Kerne in kleine Filmdosen, die sie mit Aufklebern versieht. "So komme ich nicht durcheinander, um welche Sorte es sich handelt." Im Februar wird dann ausgesät – auf der Fensterbank. Wenn die Pflanzen größer sind, kommen sie in Töpfe. Ab Mitte Mai geht es dann ins Freiland.

Ursula Reinhard, Irmela Wrede und die Tomaten-Liebhaberin Beate Pieper kennen sich bestens aus mit den Nachtschattengewächsen. "Kolumbus hat die Tomate mit nach Europa gebracht", erläutert die VENVorsitzende. Auf dem Kontinent galt die Pflanze zunächst als ungenießbar und sogar giftig. "Erst Ende des 19. Jahrhunderts hielt die Tomate Einzug in die deutschen Gemüsegärten", erzählt Ursula Reinhard. Vorher sei sie als Zierpflanze verwendet worden – "unter anderem für Brautkränze". Den Durchbruch habe 1906 die Sorte Lukullus gebracht, "die sehr gut zu Mozzarella schmeckt". Diese mittelgroße Tomate mit schweren Früchten besitze einen frischen, leicht säuerlichen Geschmack, sei platzfest, reif ab Mitte Juli und – sehr wichtig: – äußerst ertragreich.

Rund 50 Besucher nutzten die Mönchevahlberger Tomatenbörse, um sich über die Geschichte des Gemüses zu informieren, aber auch, um Pflanzen zu tauschen. Ferner gab der Verein Jungpflanzen zum Erhalt der Artenvielfalt gegen Spenden ab. Wer nun neugierig geworden ist über alles, was sich rund um die Tomate dreht, kann sich direkt an Ursula Reinhard, (0 53 06) 14 02, wenden.