|
|
WOLFENBÜTTEL. In Deutschland werden insgesamt rund sieben
Millionen Tonnen Kartoffeln geerntet, und der jährliche
Pro-Kopf-Verbrauch beträgt etwa 72 Kilogramm. Niedersachsen ist
eines der Hauptanbaugebiete in Deutschland. Bevor spanische
Mönche und englische Seefahrer (wie Sir Francis Drake) gegen Ende
des 16. Jahrhunderts die aus Südamerika stammende Kartoffel mit
nach Europa brachten, hatten reisende und gelehrte Männer von ihr
bereits Kenntnis erhalten und suchten die Kunde zu verbreiten.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts brachte der
preußische König, Friedrich der Große, den Anbau dieser
"ausländischen Frucht" mit sanftem Zwang in Gang. Bis
dahin war die Kartoffel nur in wenigen deutschen Ländern bekannt
während sie in Irland im 17. Jahrhundert bereits zur Hauptnahrung
der Armen geworden war. Der Kartoffelanbau fand zunehmend
Verbreitung durch die Hungernöte des 18. Jahrhunderts, wo die
Pflanzenknollen als Speise für bedürftige Leute den Mangel an
Brotkorn kompensieren konnten.
Ein Volksnahrungsmittel
Die
Hackfrucht wurde ein Volksnahrungsmittel, es kam zum Teil zu
Klagen von Müllern, die darunter litten, dass das Getreide als
Hauptnahrungsmittel seine Rolle in manchen Landstrichen
eingebüßt hatte. Die zunehmende Verwendung der Kartoffel als
Viehfutter, brachte als Folge einen enormen Anstieg der
Schweinezucht und -mästung, die sich dann auch an der
Bautätigkeit von Ställen ablesen ließ. Eine grundlegende
Rationalisierung bedeutete das Aufkommen und die Verbreitung von
Aussaat- und Erntemaschinen für den Kartoffelanbau. Die
Kartoffeldämpfer-Kolonnen und die Silotechnik sorgten für
"fertiges Futter" im ganzen Winter. Zusätzlich trugen
die Brennereien zur Ausbreitung des Kartoffelanbaues mit ihrer
weiteren Verarbeitungsmöglichkeit bei.
Da der Weg der hierzulande aufkommenden Kartoffel nicht in den
Oberschichten, sondern umgekehrt zunächst als Viehfutter und
Armen- und Gesindekost begann und auch in geografischer Hinsicht
besonders Mangel und Not als Wegbereiter waren, spricht man heute
auch als "aufsteigendes Kulturgut" von ihr. Nachdem in
Kochbüchern zunächst nur warme Zubereitungsmöglichkeiten
aufgezeigt wurden, spielte im Bereich der Salate-Rezeptsammlungen
besonders der Kartoffelsalat zunehmend eine Rolle. Die Tendenz
einer immer breiteren Eingliederung der Kartoffel im Speiseplan
des 19. Jahrhunderts wird sichtbar, wenn man Menükarten und
Festmahlzeiten aus der damaligen Zeit betrachtet. Heutzutage gibt
es sogar allein auf Kartoffelgerichte spezialisierte Restaurants,
die sich zum Beispiel als "Kartoffelhaus" bezeichnen.
In Niedersachsen kamen die ersten Kartoffeln bereits vor 1600
über England an den Braunschweiger Hof und wurden in der ersten
Hälfte des 17. Jahrhunderts im fürstlichen Garten kultiviert.
1586 erhielt Herzog Julius fünf Stück der von Francis Drake aus
Amerika mitgebrachten Kartoffeln. Sie wurden in Blumentöpfen
gezogen. Um 1600 lässt sich der Kartoffelanbau
in Schöningen am Elm nachweisen, und sechs Jahre später sind sie
auch am Hof zu Hannover belegt. Im Dienste Herzog Karl I. von
Braunschweig-Wolfenbüttel führte der Forstwirt J. G. von Langen
1748 im Harz den Versuch durch, Kartoffeln in einem Waldstück
anzubauen. Im Amt Herzberg sind bereits 1760 Felder mit Kartoffeln
bestellt. Eines der bekanntesten deutschen Kartoffelanbaugebiete
seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die Lüneburger
Heide, wo die leichten Sandböden das so genannte "Gold der
Heide" hervorbringen.
Viele Sorten verschwunden
Die vielen
Sorten des 18. und 19. Jahrhunderts sind heute verschwunden. Die
Verdrängung der älteren Sorten erfolgte unter anderem durch
Produkte der Saatzuchten. Schon in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts überließen die Wolfenbütteler Gärtner den
Kartoffelanbau weitgehend den Landwirten. Im 20. Jahrhundert bauen
die Gärtner - wenn überhaupt - nur noch Frühkartoffeln zum
Verkauf an, weil mit den ersten Kartoffeln noch gute Preise zu
erzielen waren. Heute dürfen nur die bis zum 10. August
geernteten Kartoffeln als Frühkartoffeln bezeichnet werden.
|