Oktober 2003      
 

WOLFENBÜTTELER ZEITUNG UND ANZEIGER

 

 

 Ein aufsteigendes Kulturgut

1586 erhielt Herzog Julius fünf der von Francis Drake mitgebrachten Kartoffeln
Von Gabriele Mönch-Paul

WOLFENBÜTTEL. In Deutschland werden insgesamt rund sieben Millionen Tonnen Kartoffeln geerntet, und der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch beträgt etwa 72 Kilogramm. Niedersachsen ist eines der Hauptanbaugebiete in Deutschland. Bevor spanische Mönche und englische Seefahrer (wie Sir Francis Drake) gegen Ende des 16. Jahrhunderts die aus Südamerika stammende Kartoffel mit nach Europa brachten, hatten reisende und gelehrte Männer von ihr bereits Kenntnis erhalten und suchten die Kunde zu verbreiten.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts brachte der preußische König, Friedrich der Große, den Anbau dieser "ausländischen Frucht" mit sanftem Zwang in Gang. Bis dahin war die Kartoffel nur in wenigen deutschen Ländern bekannt während sie in Irland im 17. Jahrhundert bereits zur Hauptnahrung der Armen geworden war. Der Kartoffelanbau fand zunehmend Verbreitung durch die Hungernöte des 18. Jahrhunderts, wo die Pflanzenknollen als Speise für bedürftige Leute den Mangel an Brotkorn kompensieren konnten.

Ein Volksnahrungsmittel

Die Hackfrucht wurde ein Volksnahrungsmittel, es kam zum Teil zu Klagen von Müllern, die darunter litten, dass das Getreide als Hauptnahrungsmittel seine Rolle in manchen Landstrichen eingebüßt hatte. Die zunehmende Verwendung der Kartoffel als Viehfutter, brachte als Folge einen enormen Anstieg der Schweinezucht und -mästung, die sich dann auch an der Bautätigkeit von Ställen ablesen ließ. Eine grundlegende Rationalisierung bedeutete das Aufkommen und die Verbreitung von Aussaat- und Erntemaschinen für den Kartoffelanbau. Die Kartoffeldämpfer-Kolonnen und die Silotechnik sorgten für "fertiges Futter" im ganzen Winter. Zusätzlich trugen die Brennereien zur Ausbreitung des Kartoffelanbaues mit ihrer weiteren Verarbeitungsmöglichkeit bei.

Da der Weg der hierzulande aufkommenden Kartoffel nicht in den Oberschichten, sondern umgekehrt zunächst als Viehfutter und Armen- und Gesindekost begann und auch in geografischer Hinsicht besonders Mangel und Not als Wegbereiter waren, spricht man heute auch als "aufsteigendes Kulturgut" von ihr. Nachdem in Kochbüchern zunächst nur warme Zubereitungsmöglichkeiten aufgezeigt wurden, spielte im Bereich der Salate-Rezeptsammlungen besonders der Kartoffelsalat zunehmend eine Rolle. Die Tendenz einer immer breiteren Eingliederung der Kartoffel im Speiseplan des 19. Jahrhunderts wird sichtbar, wenn man Menükarten und Festmahlzeiten aus der damaligen Zeit betrachtet. Heutzutage gibt es sogar allein auf Kartoffelgerichte spezialisierte Restaurants, die sich zum Beispiel als "Kartoffelhaus" bezeichnen.

In Niedersachsen kamen die ersten Kartoffeln bereits vor 1600 über England an den Braunschweiger Hof und wurden in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts im fürstlichen Garten kultiviert. 1586 erhielt Herzog Julius fünf Stück der von Francis Drake aus Amerika mitgebrachten Kartoffeln. Sie wurden in Blumentöpfen gezogen. Um 1600 lässt sich der Kartoffelanbau
in Schöningen am Elm nachweisen, und sechs Jahre später sind sie auch am Hof zu Hannover belegt. Im Dienste Herzog Karl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel führte der Forstwirt J. G. von Langen 1748 im Harz den Versuch durch, Kartoffeln in einem Waldstück anzubauen. Im Amt Herzberg sind bereits 1760 Felder mit Kartoffeln bestellt. Eines der bekanntesten deutschen Kartoffelanbaugebiete seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die Lüneburger Heide, wo die leichten Sandböden das so genannte "Gold der Heide" hervorbringen.

Viele Sorten verschwunden

Die vielen Sorten des 18. und 19. Jahrhunderts sind heute verschwunden. Die Verdrängung der älteren Sorten erfolgte unter anderem durch Produkte der Saatzuchten. Schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts überließen die Wolfenbütteler Gärtner den Kartoffelanbau weitgehend den Landwirten. Im 20. Jahrhundert bauen die Gärtner - wenn überhaupt - nur noch Frühkartoffeln zum Verkauf an, weil mit den ersten Kartoffeln noch gute Preise zu erzielen waren. Heute dürfen nur die bis zum 10. August geernteten Kartoffeln als Frühkartoffeln bezeichnet werden.

Während der Wolfenbütteler Kulturnacht 2003 präsentierte Gabriele Mönch-Paul am Stand des Vereins Gärtnermuseum auf dem Hof Niehüser in der Harzstraße nicht nur leckere Kartoffelgerichte, sondern auch Informationen zur Geschichte der Kartoffel.