Montag, 29. November 2004      
 

WOLFENBÜTTELER ZEITUNG UND ANZEIGER

 

 
Gärtnerhöfe für die Nachwelt erhalten

Landeskonservator Günter Jung referierte über die Geschichte der Streckhöfe in Wolfenbüttel

WOLFENBÜTTEL. Wolfenbüttels jahrhunderte alte Streckhöfe waren Thema der Vortragsreihe des Vereins Gärtnermuseum im Bürgersaal des Rathauses. Landeskonservator Günter Jung lud in seinem Vortrag mit Hilfe von Dias zu einem visuellen Spaziergang über den Neuen Weg ein, an dem noch viele dieser alten Gärtnerhäuser zu finden sind.

Bei dieser Gelegenheit stellte Vorsitzender Peter Kinne das Modell des Streckhofes am Neuen Weg 33 vor, der nach Wunsch der Mitglieder in ein Gärtnermuseum umgestaltet werden soll. Eigentlich, so Jung, handele es sich bei den Streckhöfen um belanglose zweckgebundene Gebäude ohne Zierrat, ohne kulturhistorischen Wert. Hinzu käme, dass sie schwierig zu erhalten und zu bewohnen seien.

Landeskonservator Günter Jung betrachtete mit Marion Sippel-Boland und dem Vorsitzenden des Vereins Gärtnermuseum Peter Kinne das Modell des Streckhofes am Neuen Weg 33.
Foto: Flechner

Lust und Liebe erforderlich

Sie zu bewahren, brauche viel Lust und Liebe sowie eine gewisse Leidensfähigkeit ihrer Besitzer. Trotzdem sei sein Traum diese Gebäude in Wolfenbüttel im Kontext mit dem dazugehörigen Gartenland für die Nachwelt erhalten zu können.

Diese Hausart sei aber nicht nur auf die Lessingstadt begrenzt, überall im Landkreis fänden sich Formen des Mitteldeutschen Einhauses. Sie stellten eine autonome Einheit dar, in der der Landwirt Wohnen, Ställe und Kornböden miteinander kombinierte. Weniger in Wolfenbüttel selbst, dafür aber auf den umgebenden Dörfern, gebe es Häuser dieser Art mit vorhängendem Obergeschoss, Schnitzereien und Gefachen in Form des Andreaskreuzes. In der Lessingstadt sei vor allem die archaische Bauweise dominierend.

Gerade im frühen 18 Jahrhundert habe man einfache Fachwerkfassaden ohne Zierrat bevorzugt. Die Entwicklung zum getrennten Wohn- und Arbeitsbereich habe sich bei diesen Häusern mit dem Wachsen der Familie und des Wohlstandes nach und nach weiter entwickelt. Wohnten die Menschen im 15. Jahrhundert dort noch mit ihrem Vieh unter einem Dach, wurde vielleicht im 16. Jahrhundert der Stall vom Wohnbereich abgetrennt und im 17. Jahrhundert ein Wirtschaftsteil angebaut.

Es gebe Streckhöfe, so Jung, an die seit ihrer Entstehung bis zu fünf Anbauten hinzugefügt wurden. War nicht genug Platz auf dem Grundstück, um das Haus noch weiter in die Länge auszubauen, entstand ein Hakenhof . Die Streckhöfe, erklärte Jung, hätten vor allem Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts, nach Auszug des herzoglichen Hofes aus Wolfenbüttel und mit der Auflösung der Vorwerke, ihren Bauboom erlebt.

Charakter verloren

Grund hierfür sei der Aufschwung der Erwerbsgärtnerei gewesen, der erst in der Nachkriegszeit durch den Eintritt Deutschlands in die EU und dem damit verbundenen Niedergang der Konservenfabriken gestoppt wurde. Hinzu kam nach 1945 ein enormer Siedlungsdruck durch Neubauten auf dem alten Gartenland. Durch die in dieser Zeit entstandene neue Bebauung in Form von Autohäusern, Mehrfamilienhäusern und dem Supermarkt sowie dem Abriss der alten Höfe, habe der Neue Weg seinen ursprünglichen Charakter verloren.

Auch heute sei das noch verbliebene Gartenland, durch Baulandplanung gefährdet. "Ich würde mir wünschen, diese sterbenden Streckhöfe an einigen Beispielen erhalten zu können", schloss Jung seinen Vortrag.  fl